Erfahrungsbericht

Noah K., Softwareentwicklung und Künstliche Intelligenz, 4. Semester, Spanien, Universidad de Sevilla, SoSe 2026

 

Sevilla – die Perle Andalusiens, aber kein Selbstläufer

 

Bewerbungsprozess 

Meine Bewerbung für das Auslandssemester wurde erst in der Nachfrist im Dezember 2025 eingereicht. In meinem Fall war das noch möglich und es gab keine größeren Probleme. Trotzdem würde ich dringend empfehlen, sich so früh wie möglich um die Bewerbung und alle notwendigen Dokumente zu kümmern. Das Semester in Sevilla beginnt bereits Ende Januar, wodurch zwischen Zusage, Wohnungssuche und Abreise nur wenig Zeit bleibt. Die Dokumente selbst waren gut verständlich und insgesamt unkompliziert, aber durch den späten Zeitpunkt wurde es organisatorisch trotzdem knapp.

Vorbereitung 

Meine Vorbereitung bestand vor allem darin, meine Spanischkenntnisse grundlegend aufzufrischen. Außerdem habe ich mich vorab über das Studium und die Universität informiert. Konkrete Informationen zu Klausurformen, Prüfungsleistungen und dem genauen Ablauf der Kurse waren auf der Website jedoch schwer zu finden. Dadurch war es schwierig, den tatsächlichen Arbeitsaufwand realistisch einzuschätzen.

Wohnungssuche und Unterkunft 

Meine Wohnung habe ich über Erasmusplay gefunden. Es handelte sich um ein WGZimmer mit anderen internationalen Erasmusstudierenden. Da mein Zimmer erst später verfügbar war, habe ich die Zeit von Ende Januar bis Februar mit einem Airbnb überbrückt. Die Wohnungssuche verlief bei mir sehr einfach und schnell: Schon nach der ersten Anfrage wurde ich bestätigt und konnte innerhalb weniger Tage den Mietvertrag abschließen.

Kultur und Alltag 

Spanien ist kulturell stark katholisch geprägt. Das zeigt sich besonders in Sevilla sehr deutlich, zum Beispiel durch religiöse Prozessionen und Veranstaltungen. Am bekanntesten ist die Semana Santa, also die Heilige Woche. Diese Veranstaltungen sind beeindruckend und gehören klar zur Kultur der Stadt. Gleichzeitig muss man ehrlich sagen, dass sie auf Dauer auch anstrengend sein können, da sie oft mit lauter Musik und vielen Menschen verbunden sind. 

Das Nachtleben in Sevilla ist sehr aktiv. Für Studierende, die gerne in Bars gehen, feiern oder neue Leute kennenlernen möchten, gibt es durch Erasmus- und Studierendennetzwerke viele Möglichkeiten.

Freizeit 

Aufgrund meines hohen Studienaufwands konnte ich meine Freizeit leider nur eingeschränkt genießen. Grundsätzlich bietet Sevilla aber sehr viele Möglichkeiten. Über Studierendennetzwerke werden fast jedes Wochenende günstige Ausflüge zu bekannten Orten in Andalusien angeboten. Zusätzlich gibt es unter der Woche kostenlose Veranstaltungen wie Stadtführungen oder Treffen für internationale Studierende. Wer weniger Kurse belegt und genug Zeit hat, kann hier sehr viel erleben und viele internationale Kontakte knüpfen.

Sprache 

Mit meinem Spanischniveau kam ich im Alltag nicht über einfache Konversationen hinaus. Deshalb sollte man das geforderte Sprachniveau bei der Bewerbung wirklich ernst nehmen. Mit Englisch kommt man in Sevilla nur begrenzt weiter. Besonders ältere Menschen sprechen häufig kein Englisch, und selbst im Sekretariat wurde in meinem Fall kein Englisch gesprochen. Zusätzlich ist der andalusische Akzent sehr ungewohnt und teilweise schwer zu verstehen, selbst für fortgeschrittene Spanischlernende.

Umfeld 

Meine WG-Bewohner waren bis auf eine Person sehr nett und rücksichtsvoll. Eine Person hielt sich jedoch weder an den Putzplan noch an die Nachtruhe. Ich wurde mindestens zwei Nächte pro Woche durch lautes Telefonieren mitten in der Nacht geweckt. Auch nach mehrmaligem Ansprechen wurde darauf kaum Rücksicht genommen. Für Personen mit leichtem Schlaf würde ich deshalb empfehlen, bei der Unterkunft besonders auf eine ruhige Wohnsituation zu achten. Abgesehen davon habe ich die Menschen in Sevilla als sehr freundlich und hilfsbereit erlebt.

Studium 

Ein großer Unterschied zu Deutschland ist an der Universidad de Sevilla das System der kontinuierlichen Bewertung. Das bedeutet, dass nicht nur am Ende des Semesters geprüft wird, sondern regelmäßig während des Semesters Leistungen erbracht werden müssen. In vielen Kursen gibt es wöchentliche Tests sowie größere Prüfungen etwa alle zwei Monate. Dadurch ist der Lernaufwand während des gesamten Semesters sehr hoch. 

Ich würde daher dringend davon abraten, 30 ECTS zu belegen. Aus meiner Erfahrung sind maximal drei Kurse deutlich realistischer, wenn man neben dem Studium auch etwas von der Stadt und dem Erasmusleben mitbekommen möchte. Wenn man die kontinuierliche Bewertung nicht besteht, gibt es meist noch die Möglichkeit, am Ende eine Abschlussprüfung zu schreiben. Diese Möglichkeit habe ich zum Beispiel für einen Kurs am 7. Juli genutzt, kurz vor meinem Rückflug.

Infrastruktur 

Die Infrastruktur in Sevilla war für mich gemischt. Auf die Busse sollte man sich nicht blind verlassen, da Fahrzeiten und Verbindungen teilweise unzuverlässig sein können. Positiv sind dagegen die Fahrradwege. Mit dem Fahrrad kann man sich in der Stadt oft gut fortbewegen.

Tipps und Tricks 

Allen, die über ein Auslandssemester nachdenken, würde ich vor allem drei Dinge empfehlen: Nehmt nicht zu viele Kurse, informiert euch vorher so genau wie möglich über Prüfungsformen und Arbeitsaufwand, und unterschätzt die Sprache nicht. Ein Auslandssemester soll eine besondere Erfahrung sein und nicht nur aus Stress bestehen. Gerade deshalb ist es wichtig, den eigenen Aufwand realistisch zu planen.

Fazit 

Ich muss ehrlich sagen, dass mein Erasmussemester aufgrund des hohen Studienaufwands und privater Umstände extrem schwierig war. Ich habe meine Fähigkeit, mit den Anforderungen umzugehen, überschätzt und hatte dadurch eine der härtesten Zeiten meines Lebens. Trotzdem ist am Ende alles gut ausgegangen. Ich konnte fachlich und persönlich viel mitnehmen und habe vor allem meine Resilienz, Selbstständigkeit und Reife deutlich weiterentwickelt. Sevilla ist eine beeindruckende Stadt mit vielen Möglichkeiten, aber das Auslandssemester war für mich kein leichter Selbstläufer.