Erfahrungsbericht 

Lion T., Tourism Development Strategies, Université des Antilles, Guadeloupe (Pointe-à-Pitre, Fouillole), 06.01.2026 - 30.05.2026

 

Studieren zwischen Palmen, Strand, Regenwald und Vulkan: 

Mein Auslandssemester an der Université des Antilles auf Guadeloupe

 

Bewerbung und Vorbereitung

Der Bewerbungsprozess für ein Auslandssemester auf Guadeloupe nahm deutlich mehr Zeit in Anspruch als erwartet, da technische Probleme beim Bewerbungsportal erst viele Wochen nach Ende der Frist behoben werden konnten. Das deutete schon daraufhin, dass viele Dinge hier langsamer und teilweise recht chaotisch verlaufen. Unterlagen, Fristen und Ansprechpartner ändern sich häufiger als erwartet. Verpflichtend ist der Nachweis des Sprachniveaus DELF B2, da der Unterricht ausschließlich auf Französisch stattfindet. Es lohnt sich, schon frühzeitig Kontakt zu anderen Erasmus-Studierenden aufzunehmen, etwa über entsprechende Whatsapp-Gruppen, um sich gegenseitig auszutauschen und zu unterstützen. Mich vorher über das IO zu vernetzen, war gerade in Anbetracht der mannigfaltigen Herausforderungen vor Ort sehr hilfreich. Auch die Flugkosten sollten nicht unterschätzt werden: Verbindungen auf die Antillen sind vergleichsweise teuer und sollten möglichst früh gebucht werden. Am besten ist es wohl, Hin und Rückflug mit flexibler Option direkt zu buchen. Ich nutzte jedoch auf dem Rückweg eine Verbindung über Montréal und konnte so noch einen Eindruck von Kanada gewinnen.

Wohnungssuche und Unterkunft

Studierendenwohnheime stehen Erasmus-Studierenden an der Université des Antilles nicht zur Verfügung, weshalb die Wohnungssuche eigenständig organisiert werden muss. Hilfreiche Empfehlungen liefern das International Office, einschlägige Facebook-Gruppen sowie ehemalige Erasmus-Studierende, die ihre Erfahrungen teilen. Besonders empfehlenswert ist eine Unterkunft in Le Gosier, das im Vergleich zu Pointe-à-Pitre deutlich sicherer und angenehmer zum Wohnen ist; in einigen Stadtteilen von Pointe-à-Pitre selbst ist dagegen ein erhöhtes Sicherheitsbewusstsein gefragt. Die Partys finden dort statt oder in St. Anne, in Pointe-à-Pitre ist abends nichts los, weil die Straßen unsicher sind.

Studium an der Université des Antilles

Der Master-Studiengang Tourismus wird als Abendschule angeboten, sodass es durchaus opportun ist, tagsüber Kurse aus dem Bachelor-Bereich oder den Wirtschaftswissenschaften zu besuchen, sofern man nicht auf die entsprechende Anrechnung angewiesen ist. Falls man Ects anrechnen lassen will, kann man demnach vlt. Masterkurse aus anderen Wirtschaftsstudiengängen belegen. Das hat auch den Hintergrund, dass Busse abends kaum noch fahren, was ein eigenes Auto erfordern würde, was mit hohen Kosten verbunden ist. Prüfungen finden kontinuierlich über das gesamte Semester verteilt statt, teilweise schon zwei Wochen nach der Ankunft, worauf man sich gut vorbereiten sollte. An der Universität trifft man auf vergleichsweise wenige Erasmus-Studierende, überwiegend aus Deutschland und Belgien.

Alltag, Sprache und Umfeld

Im Alltag wird kaum Englisch gesprochen; gute Französischkenntnisse sind unerlässlich, während kreolische Gespräche selbst mit guten Französischkenntnissen schwer zu verstehen sind. Wer regelmäßig mit Einheimischen in Kontakt kommt, verbessert seine Sprachkenntnisse jedoch schnell. Ein eigenes oder geteiltes Auto erleichtert den Alltag erheblich und ist bei geteilten Kosten durchaus erschwinglich. Die vorherrschende Religion ist Katholizismus und wird von den Einheimischen sehr stark ausgelebt.

Kultur und Freizeit

Kulturell ist Guadeloupe stark durch afrikanisch-kreolische Einflüsse geprägt, die deutlich dominanter sind als südamerikanische oder europäische Prägungen. Der Karneval gehört zu den wichtigsten kulturellen Ereignissen im Jahresverlauf. In der Freizeit lassen sich zahlreiche Naturausflüge unternehmen: Wasserfälle, Wanderungen, Strände, Kajaktouren, Schnorcheln, Surfen und Tauchen zählen zu den Highlights der Insel. Auch die kostenlosen Sportkurse der Universität sind eine schöne Möglichkeit, aktiv zu bleiben und neue Kontakte zu knüpfen. Mittwochs abends kann man in St. Anne Beachvolleyball spielen.

Infrastruktur und Mobilität

Pointe-à-Pitre eignet sich kaum als Ausgangspunkt für Reisen nach Südamerika. Dafür sind Kreuzfahrten durch die Karibik direkt von Guadeloupe eine attraktive Option für alle, die die Region während des Aufenthalts auf diese Weise weiter erkunden möchten. Es bietet natürlich weniger Austausch und Authentizität als mehrtägige Trips auf Nachbarinseln, die ich zwar sehr empfehlen kann, sich preislich jedoch als eher unvorteilhaft für viele darstellen könnten. Must-Dos aus meiner Sicht: ein Trip nach Dominica mit der Fähre für mindestens 3 volle Tage. Außerdem sollte man die Iles des Saintes besuchen und bei gutem Wetter den Soufrière Vulkan erklimmen. Auf den Saintes kann man zu einem Wrack schnorcheln, wo man mit etwas Glück mit Delfinen tauchen kann (kostenlos).

Tipps & Tricks

  • Das 1. Semester (Juli–Dezember) bietet ein größeres Kursangebot, das 2. Semester (Januar–Juni) eignet sich am besten zum Reisen bzw. ist vom Wetter her die beste Periode, um in der Karibik zu sein.
  • Aktiv Sprachkontakt mit Einheimischen suchen, die Französischkenntnisse verbessern sich dadurch deutlich schneller.
  • Genug Zeit für Bürokratie und Organisation einplanen, da in Guadeloupe grundsätzlich alles etwas länger dauert als in Deutschland.
  • Geotourismus ist dort möglich, wer Angst vor Vulkanen und Erdbeben hat, sollte sich das vlt. zweimal überlegen, auch wenn solche Ereignisse natürlich selten vorkommen.

Fazit

Ein Auslandsaufenthalt auf Guadeloupe ist organisatorisch anspruchsvoller als ein klassisches Erasmus-Semester in Europa, bietet dafür aber ein einzigartiges Zusammenspiel aus Studium, karibischer Lebensweise und kultureller Vielfalt. Da die Anerkennung der ECTS-Punkte nicht immer unkompliziert ist und sich das Semester mit der deutschen Prüfungsphase überschneiden kann, ist ein zusätzliches Auslandssemester, statt eines fest in den Studienverlauf integrierten Pflichtsemesters, die aus meiner Sicht deutlich attraktivere Option. Wer sich auf einen langsameren Rhythmus und etwas mehr Geduld einstellt, wird mit einer prägenden Erfahrung zwischen Hörsaal und Hängematte belohnt. Bevor ich dort gelebt habe, war mir nicht bewusst, wie stark die créolisch-afrikanische Kultur dort ausgeprägt ist. Das unterscheidet sich auch stark von anderen Karibikinseln aus meiner Sicht. Meine Ziele, Auslandserfahrung zu sammeln, eine dritte Sprache flüssig zu sprechen und die Karibik zu erkunden, während ich den europäischen Winter überbrücke, konnte ich erreichen. Wer nach akademischer Exzellenzlehre sucht, sollte sich vlt. anders orientieren. Ohne jemandem zu Nahe treten zu wollen, möchte ich erwähnen, dass die für die Kurse zu erbringenden Leistungen und vermittelte Inhalte stark vom deutschen Standard variieren können.