Erfahrungsbericht

Julia C., Wirtschaftsinformatik (Master), 3. Semester, Troyes, Frankreich, Y Schools, Wintersemester 2025/26

 

Klein, aber oh la la 

 

Leben in Troyes

Die Stadt Troyes liegt in der Champagne, genauer gesagt in der Region Grand Est und ist damit östlich von Paris und innerhalb von 1,5 Stunden per Direktzug zu erreichen. Von der Einwohnerzahl her ist Troyes fast genau mit Stralsund vergleichbar und wirkt dennoch mindestens drei Mal so groß und deutlich lebendiger. Schon beim ersten Blick beeindruckt die Stadt mit der größten zusammenhängenden und hervorragend erhaltenen Konzentration mittelalterlicher Fachwerkhäuser in Frankreich. Bekannt ist Troyes außerdem für seine Outlet Oase mit zahlreichen großen und bekannten Marken. Doch das Leben in Troyes besteht aus weit mehr als nur Einkaufsmöglichkeiten, im Sommer kann man beispielsweise auf der Seine Kanu fahren und dabei durch nahezu unberührte Natur gleiten. Und auch ohne Auto lässt sich die Champagnerkultur der Region erleben, da in der Innenstadt an mehreren Spots Verkostungen angeboten werden, sodass man nicht zwingend die umliegenden Weingüter besuchen muss.  Darüber hinaus laden gemütliche Cafés, darunter sogar ein Katzencafé, zum Verweilen ein. Ein Besuch im Kino wird schnell zur Ego verletzenden Erfahrung, da französische Filme im Originalton viel Nuscheln und Alltagssprache beinhalten, die nicht in der Schule wirklich gelehrt wird. Besonders schön ist die Adventszeit, wenn die Paraden des Weihnachtsmarktes durch die Altstadt ziehen und die ohnehin schon charmanten Gassen noch stimmungsvoller wirken. Im Alltag entwickeln sich schnell kleine (gewichtszunehmende) Rituale. Fast selbstverständlich holt man sich täglich ein frisches Baguette für das Abendessen, gönnt sich hier und da ein Törtchen aus der Patisserie und probiert jede Woche eine neue Käsesorte aus der beeindruckenden Auswahl. Generell spielt sich viel Leben draußen ab, besonders abends in den Bars und Brasseries. Nur sonntags und montags sollte man gut planen, denn an diesen Tagen haben viele Geschäfte und Restaurants geschlossen. Das ist besonders wichtig zu wissen, wenn Freunde für ein verlängertes Wochenende zu Besuch kommen möchten.

 

Studieren an der Y Schools

Die Y Schools sind ein Hochschulverbund in Troyes, der mehrere Bildungseinrichtungen an unterschiedlichen Standorten unter einem Dach vereint. Dazu gehören unter anderem eine Business School, eine Designschule sowie Studiengänge in den Bereichen Tourismus und Management. Sofort auffällig ist, dass es nur wenige festangestellte Dozenten gibt, stattdessen werden überwiegend Berufstätige aus den jeweiligen Fachbereichen für die Lehre eingesetzt. Dadurch ist auch der Stundenplan anders aufgebaut als an vielen deutschen Hochschulen: Manche Kurse finden als intensive Blockwochen statt, andere ziehen sich mit individuell festgelegten Terminen über ein bis zwei Monate. Die Prüfungen folgen meist direkt oder zeitnah auf die letzte Vorlesung. Der Unterricht ist zudem insgesamt sehr praxisorientiert gestaltet. Klassischer Frontalunterricht spielt eine eher untergeordnete Rolle, es wird eher viel in Gruppen gearbeitet und es gibt zahlreiche Projektarbeiten sowie anwendungsbezogene Aufgabenstellungen. Für internationale Studierende wurde zu Beginn ein einwöchiger intensiver Französischsprachkurs angeboten sowie im weiteren Verlauf ein regulärer Kurs, der einmal pro Woche stattfand. Das Sprachniveau wurde am ersten Tag durch ein ausführliches Online Assessment ermittelt. Ich fand es jedoch etwas schade, dass die Gruppen nur in zwei Niveaustufen eingeteilt wurden: absolute Anfänger auf A1 Niveau und eine zweite Gruppe für alle anderen von A2 bis C1. Mit meiner Einstufung auf B2 Niveau habe ich mich daher teilweise unterfordert gefühlt. 

Andere Internationals lernte ich bereits während der Welcome Days kennen. Neben zwei Tagen voller Informationsveranstaltungen war vor allem die Studentenorganisation ISA, die International Student Association, eine wichtige Anlaufstelle für uns. Sie organisierte regelmäßig Partys und interkulturelle Events wie ein Cultural Meal oder eine World Beauty Fashion Show, wodurch der Austausch zwischen internationalen Studierenden zusätzlich gefördert wurde. Trotzdem haben wir uns meist selbstständig organisiert. Wir planten gemeinsame Ausflüge, gingen abends zusammen in Bars, veranstalteten Twilight-Film-Marathons oder gingen auf Fußballspiele. Ich hatte das Glück, Teil einer tollen Gruppe zu sein, bestehend aus Deutschen, Marokkanern und Kasachen, was den Aufenthalt noch bereichernder gemacht hat.

 

Reisen

Die strategische Lage von Troyes lässt sich perfekt nutzen, um viel zu reisen. Mit der Carte Fluo Jeune für 1 € spart man als unter 26-Jährige in der Region Grand Est, besonders auf der Strecke Troyes–Paris, 50 %. Am Wochenende kann man sogar eine Begleitperson kostenlos mitnehmen. Von Paris aus öffnen sich die Wege zu ganz Frankreich: die Côte d’Azur, die Bretagne, die Normandie, das Baskenland bei Spanien oder das Loiretal mit seinen unzähligen Schlössern. Ich kann es jedem nur empfehlen, denn Frankreich hat weit mehr zu bieten als nur Paris, obwohl ich die Stadt selbst auch sechs Mal besucht habe, um die zahlreichen kostenlosen Kultureinrichtungen für unter 26-Jährige auszuprobieren.

 

Fazit 

Da ich bereits ein Auslandssemester in den Niederlanden während meines Bachelors gemacht habe, konnte ich entspannter und etwas besser vorbereitet in dieses Abenteuer starten. Mein Ziel war es, meine Französischkenntnisse aufzupolieren und das ist definitiv gelungen, da im Alltag in Troyes kaum jemand Englisch spricht. Ich habe zudem wunderbare, herzliche Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen kennengelernt, von denen mir einige wirklich ans Herz gewachsen sind. Wir haben bereits gegenseitige Besuche geplant, um den Kontakt zu halten.

Troyes ist eine großartige Stadt, um Frankreich kennenzulernen: charmant, nicht überlaufen vom Tourismus und nur einen Katzensprung von Paris entfernt. Ich würde diese Stadt jedem Frankreich-Enthusiasten oder denen, die es noch werden wollen, für einen Austausch absolut empfehlen!